Blackout

Fünf Stunden Stromausfall: Für eine Großstadt wie Hamburg eine Katastrophe. Dass sie eintritt, ist unwahrscheinlich. Unmöglich ist es nicht

Von Philipp Sümmermann

Schlagartig ist es dunkel im Supermarkt. Licht kommt nur noch von der Notbeleuchtung an den Ausgängen. Das Band an der Kasse steht still, das Radio ist aus. Nichts geht mehr. Seit zehn Jahren sitzt Marie, 40, schon im Supermarkt an der Kasse. Sie bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Das Surren der Klimaanlage, das Piepen des Scanners hört sie schon lange nicht mehr. Erst jetzt, wo es still ist, fällt ihr auf, wie laut es sonst ist. Ein einziges Mal hat sie einen Stromausfall erlebt. Damals war die Sicherung rausgeflogen. Jetzt beruhigt sie die Kunden in der Schlange. „Einen kurzen Moment. Es geht bestimmt gleich weiter.“

Ein paar Kilometer südlich im Güterhafen fahren Autos und Gabelstapler noch. Doch Peters Kran steht still. „Scheiße“, sagt er. Der zwölf Meter lange Container schwebt eine Handbreit über dem LKW am Haken. Ausgerechnet eine halbe Stunde nach Schichtbeginn fällt der Strom aus. Die verlorene Zeit muss er gleich wieder aufholen, heute ist viel los. Bestimmt nur eine kurze Pause, denkt Peter. Er greift zum Funkgerät, um in der Zentrale nachzufragen.

Veddel, zwei Stationen vor dem Hauptbahnhof. Die S-Bahn steht mitten auf der Brücke. Johannes, 25, kommt gerade von der Uni, er telefoniert mit einem Freund. Dass der Zug stillsteht, beunruhigt ihn nicht weiter. Mal wieder ein Bahnschaden, denkt er. Ein Stromausfall kommt ihm gar nicht in den Sinn.

Zwei Stunden später. Der Filialleiter im Supermarkt hat entschieden, den Laden zu schließen. Ohne Barcodescanner und Kassensystem kann Marie sowieso nicht kassieren. Feierabend. Die Kunden muss sie vertrösten. Die meisten sind ohnehin schon gegangen, halbleere Einkaufswagen stehen verlassen im Gang. Im Halbdunkeln schließt sie die Ladentür, sechs Stunden früher als sonst. Sie fühlt sich erleichtert. Jetzt bekommt sie wenigstens nicht mehr den Frust der Kunden ab.

Zur gleichen Zeit packt auch Peter seine Sachen. Weiterarbeiten ist zwecklos, der Hafenbetrieb ist eingestellt. Ohne Kran kann Peter die schweren Schiffscontainer nicht bewegen. Er steigt in sein Auto, fährt zur Pforte. Dort stehen die wartenden LKW in langen Schlangen. Die Fahrer sind gefrustet. Lautstark telefonierend stehen sie auf der Straße. Ihr Zeitplan ist eng getaktet, eigentlich sollten sie schon längst wieder unterwegs sein. Auf dem Heimweg tastet sich Peter langsam über die Kreuzungen. Alle Ampeln sind ausgefallen. Am Straßenrand stehen mehrere Passanten und versorgen einen verletzten Motorradfahrer. Nur einer von vielen Unfällen.

An der S-Bahn. „Das dauert noch, sagen sie im Radio“, sagt eine 20-Jährige zu Johannes. Er kennt sie aus der Uni, ihren Namen weiß er nicht. Geredet haben sie noch nie, er hat sich nie getraut, sie anzusprechen. „Ich bin übrigens Lea.“ Alle Passagiere haben inzwischen die S-Bahn verlassen und sind am Ufer der Brücke die Böschung heruntergeklettert. Lea muss auch in die Innenstadt. Gemeinsam machen sich auf den Weg. Ein langer Fußmarsch.

Das Parkhaus des Einkaufszentrums ist dunkel. Die Notbeleuchtung leuchtet nur schwach. Maries Schritte hallen in der leeren Etage. Sie freut sich über den Feierabend, gleichzeitig ist die Atmosphäre beklemmend. Einsam im dunklen Parkhaus. Am Ausgang ist die Schranke abgebrochen.

Draußen sind die Straßen voll, Peter steht im Stau. Viele sind auf dem Weg von der Arbeit nach Hause oder holen Bekannte ab. Autos hupen, Sirenen heulen. Im Rückspiegel sieht Peter Blaulicht, zwei Feuerwehrwagen bahnen sich ihren Weg durch den stockenden Verkehr. Im Radio bittet der Moderator die Leute, Ruhe zu bewahren.

In Maries Auto blinkt die Tankanzeige auf. Der Sprit ist alle. 100 Meter weiter ist eine Tankstelle – geschlossen. Ohne Strom funktionieren die Pumpen der Zapfsäulen nicht mehr. „Hoffentlich reicht das Benzin“, denkt Marie.

Johannes und Lea sind schon fast in der Innenstadt. Der Weg zieht sich, aber sie verstehen sich. Da flackern die Straßenlaternen. Der Strom ist wieder da.

 

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