Lebenslänglich

Bettina und Gerhard Boll aus Geesthacht kämpfen seit mehr als dreißig Jahren gegen Atomkraftwerke, besonders gegen das sechs Kilometer entfernte in Krümmel. Die Geschichte eines Widerstands

Von Philipp Offenberg

28. Februar 1981: In der Wilstermarsch protestieren rund 100.000 Menschen gegen das geplante Atomkraftwerk in Brokdorf. Die Demonstration geht als eine der größten Anti-Atom-Demos in die Geschichte der Bundesrepublik ein.

Gerhard Boll ist dabei. Mit Zehntausenden zieht er durch die Marsch Richtung Brokdorf. Als er am Ziel ankommt, steigt er auf einen Deich und sieht eine Hubschrauberstaffel der Polizei aus Richtung Hamburg auf ihn zukommen. „Das sah aus wie ein Jagdgeschwader, das uns gleich angreift“, sagt Gerhard Boll heute. Auf der Demonstration kommt es zu Ausschreitungen, 128 Polizisten und 70 Demonstranten werden verletzt. Das Kraftwerk wird trotzdem 1986 fertiggestellt. „Damals habe ich mich wirklich gefragt, in welchem Staat ich da lebe“, erinnert er sich. Heute ist Boll 66 und pensioniert, er wohnt zusammen mit seiner Frau Bettina in Geesthacht. Bettina Boll, heute 58, engagiert sich seit 1982 ebenfalls gegen Atomkraft. „Wir sind immer mehr in die Proteste reingewachsen“, sagt sie. Die Bolls führen einen bescheidenen Lebensstil: Sie kaufen wenig, recyceln alles, was sie von den Nachbarn kriegen können, leben in einer Doppelhaushälfte von 1918, die sie immer noch nicht fertig ausgebaut haben und sind in den letzten 30 Jahren nur zwei Mal geflogen. „Energiewende bedeutet ja nicht, dass man einfach mit erneuerbaren Energien weitermachen kann wie bisher. Man sollte die Energiewende zu einer persönlichen Lebenswende nutzen“, sagt Gerhard Boll. Die Bolls haben diese Lebenswende Anfang der 80er Jahre vollzogen.

Damals hatten sie nur wenige Mitstreiter in Geesthacht, denn viele Familien dort bestreiten ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt durch Arbeit im Kernkraftwerk. „Wollt ihr zurück in die Steinzeit?“, bekommen die beiden oft zu hören. Und Bettina Boll entwickelt Fluchtgedanken.

26. April 1986: In Tschernobyl kommt es zu einer Kettenreaktion, der Reaktor explodiert.

Die Bolls sind gerade mit einer Kindergruppe auf Ferienfreizeit im Wendland. Die Behörden raten, nicht nach draußen zu gehen. Die Bolls sind unsicher, was sie tun sollen. Sie wagen sich trotzdem vor die Tür und duschen die Kinder abends ab. „Es war ein Gefühl der Unheimlichkeit, man konnte es weder sehen, noch riechen, doch man wusste, die Gefahr ist da“, sagt Gerhard Boll. Während die Bauern im Wendland auf der linken Elbseite den Warnungen der westdeutschen Behörden folgen und die Tiere im Stall lassen, weiden die Kühe der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft der DDR auf der rechten Elbseite als wäre nichts geschehen.

Das Umdenken in der deutschen Bevölkerung, das sich die Bolls nach der Katastrophe erhofften, blieb aus ihrer Sicht aus. „Das Ganze wurde schnell als Katastrophe in einem ‚Russenreaktor‘ abgetan, die bei uns nicht eintreten könne“, sagt Bettina Boll. Professor Jürgen Scheffran vom Klimacampus der Universität Hamburg sieht das anders. Er glaubt, die Katastrophe in Tschernobyl habe die Menschen in Deutschland für die Risiken der Atomkraft sensibilisiert. „Die Mehrheit der Bevölkerung hatte danach ein schlechtes Bild von der Atomkraft. Außerdem konnte die Industrie viele geplante Kraftwerke nicht mehr bauen“, sagt er.

Bettina Boll jedenfalls fühlt sich nicht mehr sicher in Geesthacht: 1989 stellt sie einen Auswanderungsantrag nach Neuseeland, der wird angenommen. Sie gehen trotzdem nicht. „Neuseeland ist zwar ein Land ohne Atomreaktoren und atomare Mittelstreckenraketen, aber letztlich ist auch dort das nächste Atomtestgelände nicht weit“, sagt sie. Ihre Angst vor der Atomenergie kanalisieren die beiden in den Kampf dagegen.

27. Oktober 1998: In Berlin bildet sich die erste rot-grüne Bundesregierung.

Die Erwartungen der Bolls sind groß: Tatsächlich verabschiedet diese Regierung unter anderem das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Doch die Bolls sind mit vielem unzufrieden. Sie haben das Gefühl, dass Gerhard Schröder und die SPD sich für den Atomausstieg nicht wirklich begeistern können.

Auf einer Veranstaltung in Lüneburg gerät Bettina Boll mit Bundesumweltminister Jürgen Trittin aneinander: „Ich habe ihm gesagt, dass es Unsinn ist, an jedes AKW ein Zwischenlager zu stellen und dass ich dagegen klagen werde“, sagt sie.

2004 zieht sie tatsächlich gegen das Zwischenlager in Krümmel vor Gericht. Das Verfahren kostet 24.000 Euro, die sie über Spenden einsammelt. Die Klage wird in der ersten Instanz abgewiesen. Für einen Einspruch reicht das Geld nicht mehr.

28. Juni 2007: Beim Anfahren einer neuen Turbine im Kernkraftwerk Krümmel kommt es zu einem Brand in einem Trafo-Haus. Der Betreiber Vattenfall teilt mit, die Sicherheitssysteme hätten wie vorgesehen funktioniert, das Kraftwerk sei automatisch heruntergefahren.

„Vattenfall hat recht. Das Kraftwerk weiß, was es zu tun hat, es schaltet sich von alleine aus. Es weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist“, sagt Bettina Boll. 2009 zieht sie für die Grünen in die Geesthachter Ratsversammlung ein, ihr Mann rückt 2010 nach. Im selben Jahr droht die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. Die Bolls gehen wieder auf die Straße.

24. April 2010: Etwa 100.000 Demonstranten bilden eine Menschenkette zwischen den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel.

Die Bolls organisieren den drei Kilometer langen Abschnitt zwischen Krümmel und Hamburg-Bergedorf. Durch immer neue Zwischenfälle im Kraftwerk Krümmel und das jahrelange Engagement der Aktivisten ist die Stimmung in Geesthacht gekippt, die Bolls sind plötzlich Vorreiter. Die Kette ist an manchen Stellen dreifach besetzt, viele Menschen, von denen sie es nie erwartet hätten, reihen sich ein.

28. Oktober 2010: Der Bundestag beschließt die Laufzeitverlängerung für sieben ältere Atomkraftwerke, darunter auch Krümmel. Das Kraftwerk wird aber nicht mehr hochgefahren.

 

11. März 2011: Im japanischen Kernkraftwerk Fukushima kommt es zu einem folgenschweren Reaktorunfall.

Gerhard Boll erinnert sich noch genau an den Tag: „Ich dachte mir gleich: Das ist keine einfache Geschichte, da ist eine Kernschmelze im Gang“. Die Bolls nehmen Kontakt zu Strahlenopfern aus Fukushima auf: „Deren Schilderungen ähnelten dem, was die Menschen aus Tschernobyl erzählen“, sagt Bettina Boll. Doch jetzt nach Fukushima verstehen die Menschen, dass Atomkatastrophen nicht nur in sowjetischen Altreaktoren stattfinden. Auch in hoch technisierten Ländern wie Japan kann ein Atomkraftwerk zur Gefahr werden.

14. März 2011: Kanzlerin Angela Merkel kündigt die Rücknahme der Laufzeitverlängerung an. Auch Krümmel bleibt vom Netz.

Die Bolls organisieren am Ostermontag eine Demonstration mit 15.000 Teilnehmern vor dem Kraftwerk Krümmel. Um Punkt 14 Uhr wenden sich die Demonstranten vom Kraftwerk ab und ziehen davon. „Bisher haben wir immer vor dem Zaun des Kraftwerks demonstriert, aber wir wollten bewusst einen Schlussstrich ziehen“, sagt Bettina Boll.

30. Juni 2011: Der Bundestag beschließt mit den Stimmen von Union, FDP, SPD und Grünen alle deutschen Atomkraftwerke bis 2022 abzuschalten.

Gerhard und Bettina Boll fühlen sich trotz der Energiewende nicht als Gewinner. Sie haben zwar über 30 Jahre für eine Sache gekämpft, die nun allgemeiner Konsens geworden ist. „Aber die Herausforderungen bleiben. Wir wissen nicht, wie wir mit dem Atommüll umgehen sollen. Das Problem hinterlassen wir noch vielen Generationen“, sagt Gerhard Boll. Als nächstes wollen die beiden sich für den Rückbau des Atomkraftwerks Krümmel einsetzen.

 

Chronologie der Energiewende

Gerhard und Bettina Boll aus Geesthacht bei Hamburg haben ihr Leben in den Dienst einer Sache gestellt: Den Kampf gegen Atomkraftwerke. Besonders das Kernkraftwerk Krümmel, sechs Kilometer von ihrer Haustür entfernt, ist ihnen ein Dorn im Auge. Seit drei Jahrzehnten besuchen die beiden Demonstrationen, organisieren Mahnwachen, ziehen mit Unterschriftenlisten von Haustür zu Haustür. Ihre Lebensgeschichte ist gleichzeitig die Geschichte des Atomausstiegs in Deutschland. Philipp Offenberg erzählt sie uns.