„Ein Chip für alles“

Energiewende ist ohne umweltschonende Mobilität nicht möglich. Neue Konzepte sollen dazu führen, dass wir weniger Auto fahren. Jürgen Pietsch, Professor für Stadtentwicklung, erklärt, wie wir uns in Zukunft fortbewegen

Von Nora Marie Zaremba

Jürgen Pietsch forscht an der Universität Hamburg zu nachhaltiger Stadtentwicklung und fährt privat am liebsten Fahrrad

 

Wie gut komme ich heute ohne eigenes Fahrzeug von einem Ort zum anderen?

Wenn ich in der Stadt wohne und alle öffentlichen Angebote aufeinander abgestimmt sind, komme ich sehr gut voran, ohne lange Wartezeiten. Ein Beispiel: Ich möchte möglichst schnell und preisgünstig nach Berlin fahren und gebe das als Ziel in mein Handy ein. Mit Anbietern wie Carsharing oder Car2go komme ich zum Hamburger Hauptbahnhof, fahre dann mit dem ICE nach Berlin und steige dort in die S-Bahn oder auf ein Leihrad um, je nach dem, was ich brauche. Von einem Verkehrsmittel aufs andere, das funktioniert ja alles schon. Damit Energie gespart wird, muss aber die Kommunikation der einzelnen Elemente im Verkehr noch besser werden.

Die Ampel springt also auf grün, wenn der Bus kommt?

Genau. Dafür sorgt dann das eingebaute Vorfahrtssignal. Durch die Vernetzung  zwischen Ampeln und Fahrzeugen werden unnötige Stopps vermieden. Das spart Benzin beim Auto. Und Strom bei Elektrofahrzeugen.

Die Energiewende funktioniert  nicht ohne neue Mobilitätskonzepte?

Eigentlich sind das zwei vollkommen verschiedene Dinge. Bei der Energiewende geht es darum, Energie zu sparen. Elektroautos verbrauchen aber Strom. Das ist erst mal gegensätzlich. Was die beiden Konzepte verbindet, ist der Wunsch, von fossilen Energieträgern wegzukommen.

Die Energiewende ist deutlich teurer als erwartet. Bremst das die Entwicklung umweltschonender Mobilität?

Das ist zu erwarten. Die Bundesregierung  wollte bis 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen bringen. Die Zahl hat sie nach unten korrigiert. Aber auch ohne die aktuelle Kritik an der Energiewende ist die Begeisterung um Elektromobilität definitiv abgeflacht. Elektroautos konnten die Erwartungen ihrer Nutzer nicht erfüllen. Sie sind teurer als herkömmliche Autos und das Aufladen der Batterien stellt immer noch ein Problem dar.

Warum gibt es innovative Verkehrskonzepte wie die Magnetschwebebahn nicht in Deutschland? 

Deutschland ist führend auf dem Markt der „Embedded Systems“, also der Geräte mit integrierten Chips. Nur dadurch ist es möglich, dass die Ampel sich selber steuert und die Bahn ohne Führer funktioniert. Die Frage ist nur, ob sich die Technologie auch bei uns durchsetzt. Aber langfristig wird das schon der Fall sein. Die Menschen haben ein großes Interesse daran, dass ihre Großstädte attraktiver werden. Und neue Mobilitätskonzepte machen die Großstadt definitiv attraktiver, weil es weniger Individualverkehr gibt. Wenn eine gute Vernetzung die Mobilität sichert, können mehr verkehrsberuhigte Viertel entstehen.

Welche internationalen Großstädte könnten Hamburg als Vorbild dienen?

Kopenhagen will CO2 neutral werden und das bis 2025. Die Taktung von Bus und Bahn ist dort schon sehr gut. Außerdem nutzen sehr viele Menschen das Fahrrad. Es wurden Fahrradautobahnen gebaut. Auch Zürich ist interessant, weil hier immer schon alle Schichten der Bevölkerung mit Bus und Bahn fahren, der Banker genauso wie der Krankenpfleger.

Ist umweltschonende Mobilität auch eine Frage der persönlichen Einstellung?

Die Schweizer zum Beispiel haben sehr früh Umweltbewusstsein in Verkehrsfragen gezeigt, da war das in Deutschland noch ein Randthema. Ich muss der Umwelt zuliebe auch gerne Rad fahren oder den öffentlichen Verkehr nutzen wollen. Aber ich muss mich eben wohl fühlen dabei. Erst dann lasse ich mein Auto auch mal stehen.

Was ist der nächste Schritt im intelligenten Verkehr?

Ein Chip für alle öffentlichen Angebote im Verkehr. Oder ich halte nur noch mein Smartphone an ein Lesegerät.

Und ohne Smartphone bin ich dann in Zukunft hilflos?   

Meiner Meinung nach wird es da keine Benachteiligung geben. Bald wird jeder ein Smartphone haben. Das Problem von Benachteiligung sehe ich eher bei den Menschen, die nicht in einer Großstadt wohnen. Denn in kleineren Städten oder auf dem Land lohnen sich die neuen Verkehrskonzepte nicht.

Mobilität der Zukunft - heute schon getestet

Nora Marie Zaremba hat ausprobiert, ob Alternativen zum eigenen Auto heute schon funktionieren.