Einfach raus

Hana Tefrati lebt in ihrem Bus, mit einer Solarzelle, einem Ofen und dem, was sie findet. Sie will nicht mehr als das. Und sagt, dass sie es auch nicht braucht

Von Friedhelm Weinberg

 

 

Immer wieder pustet sie. Die Pappe brennt schon, die Reste der Holzpaletten brauchen noch. Pusten. Luft holen. Pusten. Bis die Flammen im Ofen knacken und es langsam wärmer wird in dem Bus, in dem Hana Tefrati, 29, seit vier Monaten wohnt.

Hier steckt viel Energie und Liebe drin: “Ella”, ein Bus, Baujahr 1977. Hana Tefrati repariert, baut um und verschönert ihr Zuhause

Den wollte sie schon immer. Wegen der Freiheit, heute losfahren und morgen woanders leben zu können. Weil sie ihn gestalten kann, wie sie will. Und weil das Leben im Bus einfach ist, sparsam. Deshalb hat sie Ella gekauft, einen Ofen eingebaut und eine Solarzelle aufs Dach geschraubt.

Hana ist eine Aussteigerin in einem Land, das aussteigen will. Ein Land, in dem Menschen Solarzellen auf ihren Dächern montieren und sich Blockheizkraftwerke in den Keller stellen. Weil sie weg wollen von Atom- und Kohlestrom, weg von großen Versorgern und manchmal auch vom Überfluss. Ein Land, das riesige neue Leitungen baut, damit der Strom aus dem Norden in den Süden fließt und aus dem Osten in den Westen. Das nicht so recht weiß, ob es zentral planen oder auf den Schwarm aus vielen Kleinen setzen soll.

Hana will weniger. Sie will sich selbst versorgen, selbst machen und dabei das nutzen, was andere nicht mehr wollen. Nicht mehr mit dem Champagnerglas auf Premierenfeiern stehen und sich fremd fühlen zwischen Bildungsbürgern und Künstlern. „Ich will einen Weg finden, meinen Anspruch, den ich auf der Bühne habe, auf der Straße umzusetzen“, sagt sie. Schon mit fünf war sie auf einem Ballettinternat in Frankreich, studierte Tanz in Holland und stand auf großen Bühnen. Sie will das nicht mehr, weil es sie nicht glücklich macht. Sie sucht Einfachheit.

Die Suche hat sie gerade ins Hamburger Gängeviertel gebracht. Dort steht Ella, Jahrgang 1977, neben einem Wohnwagen, der gerade umgebaut und bald eine öffentliche Sauna wird. Und neben einem Bus mit acht Solarzellen auf dem Dach, die nicht reichen für das, was die zwei Bewohner verbrauchen. Hana ist bisher mit ihrer einen gut ausgekommen. Sie nutzt wenig Energie im Bus. Gas für den Kaffee, auf den sie nicht verzichten mag, und Strom für die Lampen. Und selbst wenn sie wollte, mehr könnte sie nicht verbrauchen. Sie hat keinen Transformator, der den Strom aus der solargefütterten Batterie so umspannt, dass sie die meisten Geräte überhaupt anschließen könnte.

Ihren Computer und das Handy lädt sie bei Freunden, in Kneipen oder Cafés. Ganz verzichten kann sie nicht. Mit dem Computer schreibt sie Förderanträge für ihre Kunst und programmiert Internetseiten, auf denen sie ihre Projekte vorstellt. Ganz verzichten will sie auch nicht. Aber seitdem sie nicht mehr in einer Wohnung lebt, liest sie E-Mails nur noch einmal in der Woche. Sie nutzt ihre Zeit jetzt anders.

Etwa für Ellas Inneinrichtung. Hana reißt die Verkleidung von der Wand. Mit einem Messer pult sie die Reste ab und wundert sich, warum mal Isolierwolle, mal Styropor zum Vorschein kommt. Dann sägt sie Bretter aus löchrigen Holzplatten, die sie auf der Straße gefunden hat. Die baut sie an und freut sich, weil es passt und der Zufall ihr dabei geholfen hat.

Gerade macht Hana viele solche Sachen. Sie hat Ella vor vier Monaten für 3.000 Euro gekauft und sie ist noch nicht so, wie Hana es will. Für den Winter baut sie zwei weitere Solarzellen aufs Dach, die Glühbirnen tauscht sie gegen sparsamere LED-Lampen und sobald sie Zeit hat, will sie sich ihren eigenen Ofen schweißen. Der jetzige ist nur geliehen, von ihrem Freund, der in einem anderen Wagen lebt. Aus der Tänzerin wird gerade eine Heimwerkerin, Elektrikerin, Mechanikerin. „Mein Leben war immer im Umbruch, aber noch nie so radikal, wie jetzt“, sagt sie.

Ein Holzofen sorgt für Wärme im Bus – und erhitzt gleichzeitig Wasser

Sie lernt das alles, weil sie am liebsten alles selbst tun will. Vor allem will sie verstehen, etwa die Elektrik, die jemand vor Jahren nach einem komplizierten System installiert hat. Sie will sich einfühlen in die Technik, wie in Menschen. Damit sie nicht verarscht werden kann, von Handwerkern, die schludern und denen es vor allem ums Geld geht. Deshalb will sie auch lieber tauschen, Äpfel und Selbstgenähtes gegen Reparaturen, bei denen sie über die Schulter schauen darf.

Doch selbst wenn sie irgendwann alles könnte, wäre es keine Alternative, allein aufs Land zu gehen. „Wer gute Eigenschaften hat, der soll sie einsetzen“, sagt sie. Sie sucht Konfrontation, Reibung und die Herausforderung, andere Menschen zu erfahren und damit auch sich selbst. Deshalb hat sie an Hamburger Problemschulen mit Jugendlichen Tanzperformances erarbeitet, die dann auf großen Bühnen liefen. Und deshalb hat sie die Arbeit auf der Documenta in Kassel genossen, bei der sie Unbekannten erzählt hat, was sie selbst an sich kritisiert: Dass sie sich nicht immer traut, frei zu sein.

Zum Beispiel als sie versucht hat, in Marokko zu leben, der Heimat ihres Vaters. Sie hatte dort das Gefühl, etwas Verbotenes darzustellen. Dabei hatte sich Mühe gegeben, sich anders angezogen, sich zurückgehalten. Sie wollte für immer bleiben. Nach zwei Monaten kam sie zurück nach Europa. Seitdem weiß sie, dass sie nur da aussteigen kann, wo aussteigen erlaubt ist.

Was Hana im Kleinen macht, versucht Deutschland im Großen. Wände werden aufgerissen, um sie neu zu dämmen. Erneuerbare Energien erleben einen Boom. Und trotzdem wird es wohl auch in absehbarer Zeit nicht ohne neue Kohle- und Gaskraftwerke gehen, die laufen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst. Der Wandel in der Energieversorgung ist vielleicht so radikal wie nie zuvor, aber er ist widersprüchlich. Und wenn er gelingt, dann ist das eine Mischung aus Mut, Können und Zufall.

Vielleicht hat Hana es leichter, auch wenn es ihr nicht immer leicht gemacht wird. Weil es kaum öffentliche Pumpen gibt, muss sie zu Freunden, wenn sie Trinkwasser braucht. Wenn sie aufs Klo will, muss sie den Bus verlassen. Stört sie aber nicht. „Das Leben spielt sich sowieso draußen ab.“

Sie war sogar überrascht, wie einfach es ist, sich nur von rohem Gemüse und Obst zu ernähren. Eigentlich hatte sie angefangen, weil sie dachte, dass sie dann kein Gas zum Kochen mehr benötigt und länger mit dem Strom aus der Solarzelle auskommt. Aber dann hat es ihr geschmeckt, wenn sie sich in Kassel aus dem offenen Garten bedient hat, der zum Wagenplatz gehört, auf dem sie stand. Am liebsten mag sie es, wenn die Erde noch dran ist. „Das ist gut für die Zähne.“

„Mein Leben war immer im Umbruch, aber noch nie so radikal wie jetzt“

Einen eigenen Garten hat sie nicht. Dafür ist sie zu viel unterwegs, jetzt mit dem Bus, vorher nur mit dem Rucksack. „Ich bin Berberin, mir liegt das Nomadentum im Blut“, sagt sie. Da ist kein Platz für Pflanzen, die stetige Pflege brauchen. Bald will sie nach Spanien fahren, entspannen nach dem Sommer bei der Documenta, einem Projekt in Hamburg und dem Umbau des Busses. Danach kommt ein Künstlertreffen in Marokko, das sie organisiert. Ob sie dann ihre Familie dort besucht, weiß sie noch nicht. Hana wird sehen und wartet auf den Zufall. Nur dass sie im April 2013 zurück nach Deutschland kommt, weiß sie. Ellas TÜV läuft ab.

 

Einfach raus

Hana Tefrati übt den Verzicht. Friedhelm Weinberg hat die Künstlerin und ihren Bus getroffen.