Gedämmte Freude

Um ihre Klimaziele zu erreichen, hat die Bundesregierung Hausbesitzern nahegelegt, ihren Energieverbrauch zu senken. Die meisten dämmen ihre Fassade deshalb mit Platten aus Styropor. Doch auf die hat es der Specht abgesehen

Von Julian Kuper

Haben den Übeltäter schon entdeckt: Kletterer Benjamin Seider (rechts) und sein Chef Thorsten Nitzsche

Benjamin Seider sorgt dafür, dass Helga Zemke wieder ruhig schlafen kann. Der Fassadenkletterer lehnt seine Leiter an die Hauswand, schnappt sich den grünen Materialsack mit Dämmwolle und klettert bis zur Dachrinne des Hauses. Kurz darunter klafft ein 20 Zentimeter großes Loch – so fein rund ausgepickt, als hätte jemand einen Zirkel benutzt. Schon zum zweiten Mal hat der Specht ein Loch in diese Fassade gehackt. Und er kehrt regelmäßig zurück, um an seinem Werk weiterzumachen. Mieterin Helga Zemke bereitet er damit schlaflose Nächte. „Ich hab immer wieder ein Klopfen gehört, aber als ich zur Tür gegangen bin, war niemand zu sehen“, sagt Zemke. Erst nach Tagen voller nervender Klopfgeräusche habe sie draußen den Specht sitzen sehen.

Der Specht hatte es leicht in ihrem Mietshaus im Erpmannstieg, denn vor der Hauswand pappt ein Wärmedämmverbundsystem aus Styropor. Dieses Dämmverfahren wird in Deutschland am häufigsten genutzt, denn es ist am günstigsten. Hausbesitzer investieren in die Platten aus Dämmstoff, Mörtel, Befestigungselementen und Putz, um weniger Wärme durch die Hauswände zu verlieren und so Energie zu sparen. Doch gerade diese Platten sind ein gefundenes Fressen für den Specht. Sie klingen ähnlich hohl wie das tote Holz, in das er normalerweise seine Bruthöhlen schlägt oder nach Insekten sucht. Dass der Specht nun Jagd auf Dämmsysteme macht, liegt auch daran, dass sein Lebensraum verschwindet. „Die Stadt macht alle Grünflächen hübsch. Morsche oder abgestorbene Gehölzer werden sofort entfernt“, sagt Torsten Nitzsche, der Chef von Ropeworx. Manchmal finden er und seine Fassadenkletterer Löcher, die so groß sind, dass ein ganzer Arm bis zum Ellenbogen darin verschwinden könnte.

Die Löcher sind für die Dämmung eine ernstzunehmende Gefahr. Entweder ziehen Tiere wie Eichhörnchen oder Amseln ein, oder das Loch bleibt leer und läuft mit Regenwasser voll. Die Folge: Die Fassade oder der Putz werden innen nass. Wenn es dann friert, kann die Fassade die Feuchtigkeit nicht mehr loswerden und unter Umständen bricht.

Mittlerweile hat Nitzsches Firma rund 150 bis 200 Spechtloch-Einsätze im Jahr, Tendenz steigend. Denn die Nachfrage nach Wärmedämmung ist in Hamburg hoch. Ein Grund dafür sind die vielen alten Häuser. „Gerade der große Altbaubestand der Nachkriegszeit aus den 1950er und 60er-Jahren ist in einem schlechten energetischen Zustand“, sagt Edgar Badenius, Experte für Wärmeschutz bei der Stadt Hamburg. In der Hansestadt gibt es rund 900.000 Altbauwohnungen. Davon sind nur rund ein Drittel mittel bis gut wärmegedämmt. Der Rest ist energetisch entweder schlecht oder gar nicht gedämmt.

“Er klopft nur, wenn ich im Haus bin”, sagt Mieterin Helga Zemke

Die Saga, Hamburgs größte Wohnungsgesellschaft, hat bereits an knapp 60 Prozent ihrer insgesamt 130.000 Wohnungen die Gebäudehüllen mit Wärmedämmverbundsystemen aus Styropor oder Mineralwolle ausgerüstet. Zwischen 1990 und 2009 sei dadurch der Energieverbrauch für die Heizungsversorgung um 39 Prozent gesunken. „Die Fassadendämmung ist eine einfache Möglichkeit, den Altbestand energetisch zu sanieren“, sagt auch der städtische Wärmeschutz-Experte Badenius. Eine effiziente Wärmedämmung gehört zu den Kernpunkten des 2010 aufgestellten Energiekonzepts der Bundesregierung. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) fördert Investitionen in die energetische Sanierung durch Zuschüsse und zinsgünstige Kredite. Das gilt auch für Projekte wie die Wärmedämmung von Außenwänden.

Allerdings geraten die Styropor-Platten zunehmend in die Kritik. Zwar sind sie günstig und haben eine gute Wärmedämmung. Doch wenn die Mieter falsch lüften, schimmeln sie. Zudem können sich an der Fassade Algen bilden. Im Prinzip müssten die Mieter ihr Lüftungsverhalten radikal ändern oder einen stromintensiven Wärmetauscher installieren.

Benjamin Seider schneidet den Dämmblock zu, verfugt die Ritze – und das Spechtloch ist wieder dicht

Und das ist nicht das einzige Problem. Styropor ist zwar schwer entflammbar – aber wenn es brennt, dann brennt es kräftig. „Ich gehe davon aus, dass es deswegen später auch mal Tote geben wird“, sagt Heinrich Stüven, Vorsitzender des Grundeigentümer-Verbandes in Hamburg. Die eingebauten Brandriegel, die den Brand begrenzen sollen, hält er für nicht ausreichend. Skeptisch ist Stüven auch, ob die Materialien wirklich zwischen 20 und 30 Jahren halten, so wie es die Hersteller versprechen. Ist die Wärmedämmung kaputt, bleibt die Frage: Wohin damit? Styropor ist Sondermüll – und die Entsorgung damit problematisch. Denn die einzelnen Bestandteile des Verbundsystems müssen erst getrennt werden. „Klar ist, wir brauchen eine gute Wärmedämmung der Häuser – aber zum jetzigen Zeitpunkt sind die Systeme noch völlig unausgereift“, sagt Heinrich Stüven. Er hofft, dass die Forschung in einigen Jahren die Dämmsysteme deutlich weiterentwickelt.

Fassadenkletterer Benjamin Seider vertraut lieber auf sein Augenmaß. Er greift zur kleinen Säge und schneidet das Spechtloch an der Fassade von Helga Lemkes Wohnhaus eckig aus. Weiße Styropor-Flocken rieseln auf den Boden. Aus seinem Materialsack befüllt er das verlassene Loch mit Mineralwolle, um die Dämmwirkung wiederherzustellen und verschließt das Loch mit einem Stück vorgefertigtem Dämmblock. Zehn Minuten später ist die Wand wieder dicht.  Ob das so bleibt, ist allerdings ungewiss. Der Specht ist ein guter Beobachter – und ein intelligenter noch dazu. „Standortfest“ nennt Ropeworx-Chef Torsten Nitzsche das. Denn hat der Specht sich erst einmal eine Umgebung gesucht, bleibt er da auch. Und gedämmte Fassaden hat er nun mal zum Hacken gern.

Wärmedämmung

Jedes Gebäude soll in Zukunft weniger Energie verbrauchen – das sind zumindest die Pläne der Bundesregierung. Um das zu erreichen, sollen Hausbesitzer ihr Eigenheim auf den Energieverbrauch abklopfen. Viele investieren deshalb in eine Fassadendämmung und lassen Dämmplatten mit Styropor anbringen. Experten sehen solche Verbundsysteme kritisch, weil sie leicht schimmeln und die Brandgefahr hoch ist. Julian Kuper hat eine Mieterin getroffen, die tierisch genervt ist.