Gegen den Strom

Soll die Energiewende gelingen, müssen die Stromnetze ausgebaut werden. Was aber, wenn die Trasse an der eigenen Stadt vorbeiführt?

Von Luisa Meisel

In Quickborn tobt der Streit um den Netzausbau

Burkhard Jäckel hat ein Ziel: Zwanzigtausend Euro. „Mit Zwanzigtausend könnten wir einen Anwalt bezahlen und klagen“, sagt er. Jäckel, 60, trägt einen grauen Bürstenschnitt mit leichten Rockerfransen im Nacken und spricht Norddeutsch. Tagsüber ist er Prokurist in einer Hafengesellschaft, abends spielt er Bassgitarre in seiner Rockband „Punch & Judy“. Nur am Montagabend nicht. Da lädt Jäckel „den harten Kern“ der Bürgerinitiative Quickborn gegen Riesenmasten zu sich ein. Bei Zigaretten und Rotwein hängen Jäckel und seine zwei Mitstreiter bis in die Morgenstunden über Flächennutzungsplänen und Vereinsprotokollen.

Sie wollen den Ausbau einer Stromtrasse verhindern, die direkt an Quickborn vorbeiführt, einem Ort etwa 20 Kilometer nördlich von Hamburg. An solchen Abenden türmt sich das Papier auf dem hölzernen Schellacktisch des Wohnzimmers und verdeckt die mit Rosen bemalten Platzdeckchen. „Die Deko ist Sache meiner Frau“, stellt Jäckel klar. Neben dem Wohnzimmer hat Jäckel aber auch sein eigenes Kabuff, mit einem Bob-Dylan-Plakat an der Wand und Buddelschiffen im Regal.

Von der Terrasse des Paares ist die Stromtrasse „Hamburg Nord-Dollern“ gut zu sehen. 35 Meter hoch ragen die Masten in den Himmel und spannen 220-Kilovolt-Leitungen wie Notenlinien in den Himmel über Quickborn. 220 Kilovolt – das sind tausend Mal mehr Volt, als aus einer Steckdose kommen. Bald sollen die Masten auf über 60 Meter wachsen und Leitungen mit einer Höchstspannung von 380 Kilovolt tragen. Denn der Trassenausbau in Quickborn ist Teil der Energiewende.

Bis zum Jahr 2020 sollen mindestens 35 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energieträgern wie Wind und Sonne stammen. Der im Norden aus Windkrafträdern gewonnene Strom muss aber über ganz Deutschland verteilt werden, ansonsten kann es zu Engpässen in der Stromversorgung kommen. Wenn bis zum Jahr 2022 alle Kernkraftwerke in Deutschland endgültig abgeschaltet sein sollen, muss der Netzausbau also schnell gehen. Je weiter aber der Weg ist, den der Strom zurücklegen soll, desto höher muss er gespannt werden. 220-Kilovolt-Leitungen reichen dann nicht mehr aus. Deshalb soll auch die Trasse in Quickborn mit 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitungen ausgerüstet werden.

Theorie auf dem Flächennutzungsplan und Realität am Stadtrand: Die Netze müssen ausgebaut werden

Einer dieser Strommasten steht etwa neunzig Meter von einem Schulsportplatz entfernt. Deswegen hat Jäckel die Bürgerinitiative gegründet. Deswegen werden seine Montagabende lang und länger. „Es gab auch schon Momente, wo ich alles hinwerfen wollte“, sagt Jäckel. „Die viele Zeit für das Projekt geht auf Kosten der Zeit mit meiner Familie.“ Anfangs hatte sich Jäckel nur Sorgen gemacht, dass die großen Masten vor der Haustür einmal den Wert seines Grundstücks mindern könnten. „Irgendwann habe ich aber erfahren, dass die elektromagnetischen Strahlungen bei Kindern Krebs verursachen können und habe gedacht: Ich muss etwas tun, bevor es zu spät ist“, sagt Jäckel und atmet Zigarettenrauch aus. Auch wenn es Kraft kostet, macht Jäckel deshalb weiter. Für ihn steht fest: „Die Höchstspannungsleitungen machen unsere Kinder krank.“

Ob elektromagnetische Strahlung zu Leukämie bei Kindern führen kann, ist bis heute umstritten. Studien weisen zwar auf ein erhöhtes Risiko hin. Bestätigt wurde das bisher aber nicht. Längst ist die Diskussion zu einer Glaubensfrage geworden. Jede Seite brüstet sich mit den Zahlen und Studien, die für sie sprechen.

„Wenn wir die Menschen zum Umdenken bewegen können, haben wir viel erreicht.“ Burkhard Jäckel, Vorsitzender der Bürgerinitiative „Quickborn gegen Riesenmasten“

Jäckels Verein engagiert sich seit mehr als drei Jahren und will alle über die Gefahren elektromagnetischer Felder  informieren. Er druckt Flugblätter, malt Plakate, verhandelt mit Grundstückseigentümern über einen anderen Verlauf der Trasse. Er hat ausgerechnet, wie viele Stunden er und seine Mitstreiter in den vergangenen Jahren in ihr Projekt gesteckt haben: 3.300. An einige davon erinnert sich Jäckel noch gut. Im Winter 2010 zum Beispiel. Alles war verschneit und die Wege vereist. Draußen war es schon dunkel. Nachbarn und Bekannte bastelten aus alten Marmeladen- und Gurkengläsern und Teelichtern Laternen und reihten sie entlang der Trasse auf. Eine Lichterkette im Schnee. Jäckel schenkte Glühwein aus und grillte Würstchen. Nur 35 Menschen kamen. „Es ist schwer, Leute zu mobilisieren“, sagt Jäckel und klickt mechanisch die Bilder von dem Abend auf seiner Homepage an. „Da muss ich mir oft sagen, es kommt nicht auf die Zahl an, sondern dass überhaupt jemand kommt.“ Der übrig gebliebene Glühwein von damals stapelt sich in Kartons in Jäckels Hausflur.

Die Stromautobahn an Quickborn vorbei sei jedenfalls planerischer Wahnsinn, sagt Jäckel. Die Gesetze schreiben keinen Abstand der Leitungen zu den Wohnsiedlungen vor. Eine Verordnung legt nur Höchstwerte für die elektrische und magnetische Feldstärke fest. Wer wie die Bürgerinitiative von der schädlichen Wirkung einer Stromleitung überzeugt ist, dem helfen Grenzwerte natürlich nichts, der hält jede Erhöhung für schädlich. Deshalb setzt sich Jäckels Bürgerinitiative dafür ein, den Verlauf der Trasse zu ändern.  Dann müssten allerdings alle Grundstückseigentümer, die von der neuen Trassenführung betroffen wären, zustimmen. „Unwahrscheinlich, dass sich da was tut“, sagt Jäckel. Der Frust aus den zähen Verhandlungen hat sich in seine Stirn gefurcht.

Ein sogenannter Runder Tisch wurde ins Leben gerufen, der Kompromisse hervorbringen soll. Stadtvertreter, der Netzbetreiber Tennet – verantwortlich für das Aufstellen der Strommasten – und die Quickborner Bürger kämpfen jeder für ihre eigenen Interessen. „Da wächst viel zusammen und bricht viel auseinander“, sagt Jäckel. Denn sachlich wird schon lange nicht mehr debattiert, Argumente werden wiederholt, ohne gehört zu werden, Ansichten haben sich zementiert. Von außen betrachtet macht Quickborn einen friedlichen Eindruck: Vorgärten mit gestutztem Rasen, Gardinen, Geranien und ein bis zwei schicke Mittelklassewagen vor jedem Gartenzaun. Hinter den Zäunen und Gardinen ist die Quickborner Trasse aber längst zum politischen Kampf geworden. In Quickborn spricht einer schlecht über den anderen.

Dabei sind alle für die Energiewende. Jeder sieht ein, dass der Netzausbau notwendig ist. „Die Leitung ist sehr wichtig“, sagt zum Beispiel Martin Groll vom Netzbetreiber Tennet. „Das ist die Verstärkung der einzig existenten Elbkreuzung, die wir heute haben. Da müssen wir schnell handeln, sonst können wir für lange Zeit keinen Windstrom aus Schleswig-Holstein in den Süden transportieren.“

Seit mehr als drei Jahren zieht sich das Verfahren hin. Jetzt steht als letzter Schritt der so genannte Planfeststellungsbeschluss bevor, mit dem das Ministerium für Energiewende Schleswig-Holstein den Verlauf und die Art der Höchstspannungsleitungen genehmigt. Voraussichtlich Mitte Januar soll er vorliegen. Dann läuft die Zeit gegen Jäckels Bürgerinitiative. Dann bleiben dem Verein nur noch vier Wochen, um eine Einwendung vor dem Bundesverwaltungsgericht zu erheben, „bevor die Bagger und Bulldozer anrollen“, wie Jäckel sagt.

Was aussieht wie Notenlinien, sorgt für schrille Töne: Hochspannungsleitungen am Himmel über Quickborn

Die Voraussetzungen für eine solche Klage sind kompliziert – ohne Anwalt wird es nicht gehen. Und der kostet zirka 20.000 Euro, schätzt Jäckel. Trotzdem stehen die Chancen vor Gericht schlecht. Denn das Ministerium hat ein sogenanntes Planungsermessen: Kommt es zu dem Schluss, dass die Trasse in der geplanten Weise hochgerüstet werden kann, kann das Gericht diesen Entscheidung nicht überprüfen. Dann bliebe auch der Trassenverlauf in Quickborn unangetastet.

Denkt Jäckel darüber nach, was passiert, wenn seine Initiative das Geld nicht zusammenbekommt, werden die Furchen auf seiner Stirn noch tiefer. „Da würden wir uns erst einmal die Karten legen“, sagt Jäckel. In Norddeutschland sagt man das, wenn man nicht mehr weiter weiß. Immerhin, sagt Jäckel, hat die Bürgerinitiative dann aber den Ausbau um Jahre blockiert. „Dann war es doch nicht ganz umsonst.“ Wenigstens könne er sich dann noch guten Gewissens in der Bäckerei blicken lassen, denn er habe sich wenigstens gewehrt. Sein Sohn habe ihn einmal gefragt, warum er sich das alles antue. „Weil es sonst keiner tut“, hat er ihm damals geantwortet.

Zwanzigtausend Euro. Fällt der Beschluss tatsächlich Mitte Januar, hat Jäckel jetzt noch knapp drei Monate Zeit, bevor er das Geld für den Anwalt beisammen haben muss. Wenn er mit einer Sammelbüchse durch Quickborn laufe, werfen die Leute immer ein paar Münzen rein. Das sei auch eine Anerkennung für die ganze Arbeit, sagt Jäckel. Die Menschen zückten ihr Portemonnaie, noch bevor er den Mund aufmachen könne, um für eine Spende zu bitten. „Schon fliegen ein paar Euromünzen in die Sparbüchse. Das lässt einen auftanken“, sagt Jäckel. Wenn Jäckel das sagt, scheint er für einen Moment die Frist im Januar zu vergessen. Auf der Homepage der Bürgerinitiative blinkt ein roter Spendenzähler. 552 Euro und 91 Cent hat Jäckel schon beisammen. Es fehlen noch 19.447 Euro und neun Cent.

Gegen den Strom

Vielleicht kam die Energiewende ja viel zu früh. Denn bisher gibt es keine Netze, die den Strom von Nord nach Süd transportieren. Stromnetze müssen also her. Und zwar besser gestern als heute. Mehr als 2 600 Kilometer Stromtrassen müssen gebaut werden, um die Energiewende bis 2022 wirklich hinzukriegen. Dagegen regt sich heftiger Widerstand unter den Bürgern. Vielleicht umsonst? Luisa Meisel hat eine Bürgerinitiative in Quickborn besucht.