„Operation am offenen Herzen“

Bundesumweltminister Peter Altmaier über Stromrechnungen, Kühlschränke in seinem Keller und seine eigene Energie

Von Julian Kuper & Sebastian Kempkens

Herr Altmaier, Ihr Vater war Bergarbeiter, Ihre Mutter Krankenschwester. Wie hätten Ihre Eltern reagiert, wenn sie plötzlich 60 Euro mehr im Jahr für Strom hätten zahlen müssen?

Der größte Posten im Budget war und ist die Heizkostenrechnung, also Heizöl oder Fernwärme. Gerade weil ich aus bescheidenen Verhältnissen komme, bin ich sehr unglücklich über die steigenden Strompreise. Wir wussten alle, dass die Energiewende nicht umsonst zu haben ist. Ich bin überzeugt, der Anstieg der Preise in dieser Größenordnung hätte verhindert werden können, wenn die Politik rechtzeitig die Weichen gestellt hätte.

 

Sie empfehlen, sich einen Energieberater kommen zu lassen. Der soll erklären, wie man Strom spart. War er schon bei Ihnen?

Als Minister habe ich das Glück, ständig mit Menschen zusammen zu kommen, die davon etwas verstehen. Ich habe schon viel gelernt – zum Beispiel, dass die Heizungspumpe in meinem Haus ein riesiger Stromfresser ist und dass ich dort ungefähr 80 Prozent der Energie einsparen könnte. Dafür müsste ich eben eine neue Heizungspumpe installieren. Ich weiß inzwischen auch, dass mein alter Kühlschrank und meine alte Gefriertruhe sehr viel Strom verbrauchen. Beide habe ich schon vor 20 Jahren gekauft. Außerdem fressen die Geräte noch mehr Strom, wenn sie nicht regelmäßig abgetaut werden. Das sind alles Binsenwahrheiten, trotzdem habe ich darüber im Alltag früher gar nicht nachgedacht. Das ändert sich nun, seit ich Minister bin.

 

Also entsorgen Sie die stromfressenden Kühlschränke jetzt?

Naja, bei mir war es so: Ich habe mir vor vier Jahren eine neue Küche gekauft, mit energiesparenden Gefrierschränken. Die alten Geräte habe ich dann erst mal in den Keller gestellt und da weiter laufen lassen. Jetzt erst ist mir klargeworden, was das für die Stromrechnung und den Stromverbrauch bedeutet. Ich werde sie bald abholen lassen.

 

Sie lernen dazu. Ein wenig Stromersparnis hat Ihre Berufung zum Umweltminister also schon gebracht.

Jeder kann im Alltag schon mit Kleinigkeiten etwas ändern. Ich habe zum Beispiel oft den Computer nachts laufen lassen, damit ich ihn am nächsten Morgen nicht hochfahren musste. Das sind alles Dinge, zu denen niemand gezwungen werden soll, aber über die man reden kann. So kann man dem Strompreis ein Schnippchen schlagen.

Der Minister wirbt landauf landab für die Energiewende (Foto: Bundesumweltministerium)

 

Aber kann man von den Bürgern wirklich erwarten, dass sie die Energiewende selbst in die Hand nehmen?

Nein, das kann man nicht erwarten. Wir müssen zusätzlich zur Beratung auch konkrete Hilfe anbieten, insbesondere für Menschen aus einkommensschwachen Familien. Darüber diskutiere ich im Augenblick mit den Verbänden der Wohlfahrtspflege, den Stadtwerken und vielen anderen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Energiewende insgesamt zu geringeren Kosten stattfindet. Dazu gehört, dass wir den Ausbau der erneuerbaren Energien so gestalten, wie er ursprünglich vorgesehen war – also in einem Zeitraum von 20 bis 30 Jahren. Das wird dazu führen, dass die Kosten nicht alle auf einmal anfallen und der Strompreis in erträglichen Größenordnungen bleibt.

 

Es sieht so aus, als könnte die Energiewende der CDU schon bald Probleme bereiten – nämlich im Bundestagswahlkampf 2013. Warum schaffen Sie es nicht, die Diskussion um die Strompreise zu beenden?

Eine Energiewende macht man eben nicht mit links. Das ist wie eine Operation am offenen Herzen einer Volkswirtschaft. Aber wir haben in diesem einen Jahr bis zur Bundestagswahl die Chance zu beweisen, dass wir das besser können als Rot-Grün.

 

Sie sind zwar als Autodidakt bekannt, aber auch erst relativ kurz im Amt. Blicken Sie bei der Informationsfülle im Energiebereich immer voll durch?

Ja, ich habe mich da ganz gut eingearbeitet und behalte den Überblick. Mein Ziel ist es jetzt, den Bürgern diese riesige Fülle an Fakten so zu präsentieren, dass sie sie verstehen. Ein Beispiel: Je schneller wir die Energiewende forcieren, desto mehr Kosten werden in kürzerer Zeit anfallen. Dieser Grundsatz ist für jeden nachvollziehbar.

 

Rot-Grün ist nicht Ihr einziges Problem. Als Umweltminister sitzen Sie in Sachen Energiewende oft zwischen den Stühlen: Politiker, Lobbyisten, Bürger – alle wollen etwas von Ihnen.  Wie schaffen Sie es, da einen klaren Gedanken zu fassen?

Ich koche sehr gerne, das entspannt mich. Das lockert auch den politischen Alltag auf, ich lade gerne politische Kollegen ein. Da geht es dann gar nicht darum, ob das Essen jetzt besonders raffiniert oder großartig ist. Mir kommt es darauf an, dass man als Politiker manchmal in einem entspannten, privaten Rahmen Dinge viel unvoreingenommener sieht als in irgendwelchen Hinterzimmern. Mit dieser Form der Geselligkeit will ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass Politik überschaubar und menschlich bleibt.

 

Haben Sie mal darüber nachgedacht, die verschiedenen Akteure der Energiewende der Reihe nach ins Haus Altmaier einzuladen? Es heißt, Sie könnten Mehrheiten zusammenkochen.

Wenn ich Ihnen ein Geheimnis verraten darf: Seit ich Umweltminister bin, habe ich noch für gar niemand kochen können. Das liegt daran, dass ich sehr viel arbeiten muss. Trotzdem hoffe ich, dass ich in den nächsten Monaten auch wieder die Muße finde, Menschen zu mir nach Hause einzuladen. Mit der Energiewende muss das aber nichts zu tun haben.

 

Ein kurzer Rückblick: 1974 sind Sie in die Junge Union eingetreten. Damals lagen die Dinge in Energiefragen noch anders. Was haben Sie als junger Mann über die Kernenergie gedacht?

Ich war damals wie heute weder ein Befürworter noch ein Gegner der Atomkraft. Für mich war es eine von mehreren Energiearten. Ich war immer der Auffassung, dass es schwierig wäre, wenn Deutschland im Alleingang aus der Atomenergie aussteigt.

 

Und dann haben Sie Ihre Meinung nach der Katastrophe von Fukushima geändert?

Seit der Katastrophe von Fukushima ist bei mir die Erkenntnis gereift, dass die Atomenergie keine Zukunft mehr haben kann, weil sie das strittigste gesellschaftspolitische Thema überhaupt war. Deshalb glaube ich heute ganz fest, dass der Atomausstieg richtig war. Ich glaube auch, dass unsere Form der Energiewende die richtige ist – also nicht einfach den Atomstrom durch Kohle und Gas ersetzen, sondern durch erneuerbare Energien. Ich glaube, dass das die richtige Entscheidung war. Auch, um den technologischen Fortschritt von Deutschland für die Zukunft zu erhalten und auszubauen.

 

Sicher ist: Ihnen stehen stressige Wochen bevor. Woher beziehen Sie Ihre Energie?

Die Energie für meine politische Arbeit beziehe ich aus der Motivation, dass ich ein zwar sehr schwieriges, aber doch ungemein spannendes Projekt bearbeiten darf. Es gibt viele Ministerien, die viel größer als das Umweltministerium sind und die viel mehr Geld haben. Aber das Umweltministerium hat nun einmal mit der Energiewende ein ganz entscheidendes Projekt für Deutschland. Das spornt mich an.

 

Das Interview in unserer Radiosendung

Julian Kuper im Gespräch mit Umweltminister Peter Altmaier, aufgezeichnet am 19.10.2012 und ausgestrahlt beim Hamburger Ausbildungskanal Tide 96,0 in unserer Sendung am 20.10.2012