Wenn der Wind sich dreht

Energiewende finden die meisten gut und richtig, fürchten aber auch Belastungen. Wie sich die Wende positiv auswirken kann: Vier Protokolle

Von Sina Zimmermann

 

 

Christina Wulf, 28, Doktorandin

Im Rahmen meiner Doktorarbeit erforsche ich seit zweieinhalb Jahren, wie wir  Wasserstoff im Energiesystem nutzen können. In der Hafencity gibt es zum Beispiel seit Februar eine Wasserstoff-Station. Dort wird durch Elektrolyse Wasserstoff hergestellt, den dann die Wasserstoff-Busse und -Autos tanken können. Ich schaue mir an, wie viel Energie bei dem Prozess verbraucht wird und welche Einsparmöglichkeiten und Alternativen es gibt. Für mich bedeutet die Energiewende vor allem, dass ich erneuerbare Energien erforschen kann und gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe.

 

Ralf Borchardt, 48, Projektleiter für Reaktor-Demontage

Seit 30 Jahren arbeite ich in Kernkraftwerken. Zuerst war ich Ingenieur für Reaktormontage, jetzt bin ich für die Demontage zuständig. Für den Rückbau der Kraftwerke in Deutschland wird natürlich Fachpersonal gebraucht. Da habe ich eine sichere Zukunft. Die Arbeit im Kernkraftwerk ist auch nicht gefährlicher, als jeder andere Beruf auch. Das ist ja nicht wie eine Bombenentschärfung. Wenn man alle Strahlschutzmaßnahmen beachtet, kann nichts passieren. Meterdicke Wände oder Wasserabschirmungen schützen uns vor den Strahlen.

Im Moment arbeite ich im Kernkraftwerk Obrigheim am Neckar. Ich plane da gerade den Rückbau des Reaktors. Sowas dauert für ein Kraftwerk fünf bis sechs Jahre. Zurzeit montieren wir Manipulatoren, Bandsägen, Plasma-Schneidbrenner und andere Trennwerkzeuge in den Räumen, um die Reaktorbaugruppen ferngesteuert zu zerlegen und zu verpacken. Im Frühjahr kann dann der eigentliche Abbau losgehen. Dann werden die Reaktorbaugruppen zerlegt, verpackt und in ein Endlager gebracht.

Ehrlich gesagt, in der Vergangenheit habe ich meine Selbstverwirklichung eher darin gesehen, Strom zu erzeugen. Das war nach der Abschaltung eine große Umstellung für mich. Der Rückbau gehört aber nun mal dazu und diese Aufgabe finde ich auch spannend.

 

Anja Koops, 40, Mutter

Wir wohnen seit knapp zehn Jahren in Geesthacht. Eigentlich wollte ich nicht unbedingt wieder in einer Kleinstadt wohnen – und schon gar nicht in der Nähe des Kernkraftwerks Krümmel. Vorher haben wir in Hamburg gelebt. Aber als unser Sohn Lucas sieben Monate alt war, wollten wir, dass er in einem Garten spielen kann. Als die Studie über Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken herauskam, hatten wir wirklich Angst. Je dichter man dran wohnt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder erkranken. Da stellt man sich schon die Fragen: Was, wenn es das eigene Kind betrifft? Darf man hier noch bleiben? Wo sollen wir hinziehen? Das war ein sehr bedrückendes Gefühl.

Seit Mai 2011 wissen wir, dass Krümmel endgültig stillgelegt wird. Wenn wir jetzt eine Radtour entlang der Elbe machen und auf das Atomkraftwerk blicken, schauen wir es etwas milder an.

 

Der Wärme-Hamster, 4, Speicher von Wärmeenergie

Den ganzen Tag über hocke ich im Keller neben der Zentralheizung. Ganz schön duster ist es da unten. Wenn man mich so ansieht, könnte man meinen, meine Mutter wäre eine Thermoskanne und mein Vater eine Litfasssäule. Dabei ist mein Papa Rolf Förster von ‚Energie Depot’ – und der sieht gar nicht so aus wie ich. In meinem Bauch gluckern etwa 2.500 Liter Wasser. Den ganzen Tag über mutze ich die Wärme der Sonne, um das Wasser aufzuheizen. Fast 60°C ist es dann heiß. Das brodelt so lange in meinem Bauch, bis meine Besitzer abends von der Arbeit nach Hause kommen. Dann schenke ich ihnen eine warme Dusche und mollige Wärme im Wohnzimmer. Seit dem Atomunfall in Fukushima bin ich plötzlich bei den Leuten richtig beliebt.