Wiechmann muss springen

Vor Deutschlands Küsten sollen Dutzende Windparks entstehen. Der Alltag auf den Offshore-Anlagen ist so gefährlich, dass die Arbeiter das Überleben trainieren müssen

Von Sebastian Kempkens

Auf hoher See: Von einem Schiff aus verlegen Techniker die Kabel im Windpark Riffgat (Foto: Sven Niemeyer, Miebach)

 

 

Wiechmann hätte nicht gedacht, dass es so schlimm kommen würde. Klar, er kannte die Geschichten seiner Männer, und klar, er würde ordentlich Wasser schlucken. Ein Kollege war ja gar nicht erst mitgekommen, weil er nicht gut schwimmen kann. Wiechmann ist trotzdem hingefahren, er hat Lust auf Offshore, Lust auf Windenergie weit draußen auf dem Meer. Aber das hier, diesen Weltuntergang, hat er nicht erwartet.

Jetzt steht er da in seinem roten Sicherheitsanzug, in dreieinhalb Metern Höhe. Eine Schwimmweste schnürt ihm den Atem ab, der Sturm schlägt Regentropfen in sein Gesicht, es ist finster, er sieht kaum etwas. Eine Sirene heult, heftige Donnerschläge brechen herab und immer wieder rattern die Rotorblätter eines Rettungshubschraubers durch die Dunkelheit. Aber Hilfe ist noch nicht in Sicht. Es bleibt ihm nichts übrig, Wiechmann muss da jetzt allein durch. Als der nächste Blitz einschlägt und alles für einen Moment erhellt, springt er in die Tiefe.

Jens Wiechmann, Bauleiter einer Montagefirma, 41 Jahre alt, verheiratet, zwei Söhne, landet in einem Pool in Bremerhaven. Der Ausnahmezustand ist eine Simulation, Teil eines Überlebenstrainings in einem Schulungszentrum für Offshore-Arbeiter. Jeder, der auf einer Windanlage weit draußen in der deutschen Nord- oder Ostsee arbeiten will, muss so einen Kurs durchlaufen. Deshalb ist Wiechmann hier, gemeinsam mit neun anderen Männern und lässt sich von Andreas Carstens, dem Sicherheitstrainer, anbrüllen: „Los jetzt, alle in den Huddle.“ Carstens, ein breitschultriger Mann mit mächtigen Händen, steht am Beckenrand. Mit einer Taschenlampe wirft er Lichtkegel auf die Köpfe im Wasser. „Nur zusammen könnt ihr da draußen überleben!“, schreit er. Mühsam kämpft sich Wiechmann durch die Wellen ans andere Ende des Pools. Dort sammeln sich die Männer und bilden einen engen Kreis, den Huddle, bei dem sie sich gegenseitig unterhaken und im Wasser stabilisieren. Wenig später legt Carstens ein paar Schalter um. Licht an, Wellen aus, Wind aus, Regen aus – und der Spuk ist erstmal vorbei. „Kaffeepause“, ruft er und zehn triefnasse Gestalten ziehen sich aus einem Pool, der bei Licht betrachtet nicht größer als ein Tennisfeld ist.

So ganz geheuer ist ihnen nicht: Jens Wiechmann (rechts) und seine Kollegen sind bald Arbeiter auf See

Hier, in der Trainingshalle für „Sea Survival“, vermittelt Carstens zukünftigen Offshore-Arbeitern die Grundlagen für Notfälle auf hoher See: Wie springe ich bei Bränden am besten ins Wasser? Wie schaffe ich es, einen Hubschrauberpiloten auf mich aufmerksam zu machen? Wie lasse ich mich dann von einem Helikopter aus dem Wasser ziehen?

Die Männer hier sind Taucher, Techniker und Ingenieure, die meisten von ihnen arbeiten wie Wiechmann in der Windindustrie. Das Geschäft mit Windenergie weit draußen auf dem Meer boomt. Wiechmann, der erschöpft auf die Erde starrt, keinen Kaffee trinkt, keinen Kuchen isst, weiß das. Auch seine Firma profitiert von der Energiewende. Das Unternehmen hat umgestellt, neben der Montage konventioneller Schaltanlagen setzt es jetzt auf Windenergie. Für den Windpark Riffgat, 15 Kilometer vor Borkum, haben Wiechmann und seine Männer die  Transition Pieces gebaut – gelbe, 60 Meter hohe Röhren, auf die die Türme mit den Rotorblättern gestellt werden.

Wiechmann, der sich inzwischen den Sicherheitsanzug und die Schwimmweste aufgeknöpft hat, um besser Luft zu bekommen, ist gebürtiger Bremerhavener. Die Energiewende kommt ihm gerade recht. Er kann jetzt seinen Job mit dem verbinden, was er die „maritime Sache“ nennt. Er hat mehr Verantwortung als früher, kann mehr gestalten. Der Kampf gegen die Wellen im Pool, der Sprung ins dunkle Nichts: Das ist für ihn eine Art Mutprobe, an der kein Weg vorbeiführt. Denn die Transition Pieces im Windpark vor Borkum sollen erst der Anfang sein. Wiechmann hofft, mit seiner Mannschaft auch die Wartung übernehmen zu können. Der Betreiber des Parks stößt personell schon jetzt an seine Grenzen und Wiechmanns Mitarbeiter kennen die Bauteile zwischen Windrad und Meeresgrund in- und auswendig.

Im Trainingssturm: Die Männer erkämpfen sich eine Rettungsinsel

Und auch nach dem ersten Auftrag könnte es weitergehen. Denn die Pläne der Bundesregierung sehen vor, dass bis 2020 15 Prozent der Energie, die die Deutschen verbrauchen, in der Nord- und Ostsee produziert werden. Dafür errichten die Energiekonzerne draußen im Meer eine Parallelwelt aus Stahl und Elektronik. Neben Riffgat werden knapp 30 weitere Windparks  gebaut, jeder hat die Fläche einer deutschen Kleinstadt. In den nächsten Jahren könnten in der Branche Zehntausende Arbeitsplätze entstehen, allein auf den Anlagen sollen 1.000 Menschen arbeiten. Kurz: Die Euphorie ist riesig, selbst bei zurückhaltenden Männern wie Wiechmann.

Aber das Windenergie-Geschäft auf hoher See ist auch gefährlich. Die meisten der Anlagen werden in mindestens 30 Kilometern Entfernung zur Küste gebaut, damit sie den Schiffsverkehr nicht behindern und die Aussicht für Küstenbewohner und Touristen nicht verschandeln. Wenn ein Arbeiter auf einer der Anlagen verunglückt oder ins Wasser fällt, kann es bis zu eineinhalb Stunden dauern, bis Hilfe da ist. Die Männer und Frauen sind also deutlich länger auf sich allein gestellt als bei vergleichbaren Unfällen an Land. Und schon das Besteigen der Plattform ist risikoreich. Das betonen alle, die man fragt. Auch Wiechmann hat „Respekt“ vor diesem Moment. Bei rauer See schaukelt das Boot extrem, manchmal mehrere Meter hoch und runter. Einmal gerieten Mitarbeiter von Wiechmann in einen Sturm, der so stark war, dass der Kapitän die Landungsplattform viermal nacheinander anfahren musste. Letztendlich haben sie dann abgebrochen, aber das geht nur im Ausnahmefall. Denn die Kosten im Offshore-Bereich sind enorm und ein bisschen Wellengang gibt es immer. „Sich dem zu stellen, ist schon eine ganz schöne Herausforderung“, sagt Wiechmann. „Man muss sich da immer wieder sagen: Du machst das jetzt!“

Wer herausfinden will, wie gefährlich der Job auf See wirklich ist, muss von Bremerhaven aus ins Unfallkrankenhaus Hamburg fahren. Dort sitzt Nils Weinrich im Labor für Biomechanik. Der 43-Jährige ist ein quirliger, freundlicher Mann, der Besuchern Filterkaffee kocht und ihnen dann ausführliche Power-Point-Vorträge über seine Arbeit hält. Der Physiker koordiniert das Forschungsprojekt „Rettungskette Offshore Wind“. Sein Mitteilungsbedürfnis hat einen Grund: Gemeinsam mit Biologen und Medizinern arbeitet er sich in ein vollkommen neues Thema ein. Für Havarien von Schiffen gibt es eingespielte Versorgeregelungen, der Offshore-Industrie fehlt so etwas aber noch völlig. Das Problem liege vor allem darin, dass es zurzeit keine zentrale Leitstelle für Rettungsdienste gibt. „An Land wählt man in Notfällen die 112 und ruft die Feuerwehr. Aber wer ist die Offshore-Feuerwehr?“, fragt er, zieht erwartungsvoll die Augenbrauen hoch und gibt die Antwort schließlich selbst: Es gibt keine.

In Bremerhaven wird deutlich, was das bedeutet. Wieder ist es dunkel und die Sturmturbinen dröhnen durch die Halle. Das Szenario kennen die Männer inzwischen und Wiechmann wirkt dieses Mal schon routinierter. Nach und nach sollen sich die Männer auf eine schwimmende Insel retten, doch plötzlich pfeift es draußen in den Wellen. Ein Trainer simuliert einen Verletzten, der durchs Wasser treibt und verzweifelt auf sich aufmerksam macht. Für Seemänner gehört es zum Jobprofil, mit solchen Situationen umgehen zu können. Aber die Offshore-Arbeiter brauchen lange, um die Situation zu verstehen. Auf hoher See wäre der Verletzte wohl längst unerreichbar.

Wiechmann und seine Männer werden in der Nord- und Ostsee Gewalten ausgesetzt sein, die sie bis dahin nur aus Filmen kannten. Schon der Anflug per Helikopter sei „etwas James-Bond-mäßig“, sagt Wiechmann. Was passiert, wenn ein Helikopter abstürzt? So etwas macht ihm Angst. Beim „Helicopter-Escape“ werden die Männer in einer Hubschrauber-Attrape in den Pool geschmissen. Obwohl neben Wiechmann und jedem anderen Teilnehmer ein Trainer sitzt, Sauerstoffflaschen griffbereit sind und alles vorher detailliert durchgesprochen wurde, sagt er: „Da bekommt man Panik, richtig Panik, man hat das Gefühl: Ich bin jetzt ganz allein.“

Als er den Trainingstag schließlich überstanden hat, steht Wiechmann vor der Halle, seine Haut ist gerötet und die Haare im Nacken sind noch nass. Immerhin, sagt er, ist er jetzt vorbereitet. Nächste Woche soll es losgehen. Da steht seine erste Besprechung auf der Windanlage vor Borkum an.

Nach dem Überlebenstraining triefnass am Beckenrand: Reichen die Übungen für den Ernstfall?

Kein Anschluss unter 112

Vor Deutschlands Küsten werden Windparks am laufenden Band geplant und gebaut, schon 2030 sollen 15 Prozent der deutschen Energie aus der Ost- und Nordsee kommen. Aber die Arbeit in den Windparks ist gefährlich, denn die Anlagen liegen extrem weit vom Festland entfernt – einige knapp 300 Kilometer. Im Notfall brauchen Rettungskräfte deshalb oft lange, um zu Verletzten zu gelangen – Zeit, in der die Arbeiter alleine klarkommen müssen. Um für solche Ausnahmesituationen gewappnet zu sein, ist ein Überlebenstraining obligatorisch. Unser Reporter Sebastian Kempkens hat es sich angeschaut.